Pro und Contra Hilfsjob für Qualifizierte aus dem Ausland: Zwei Wege in den Schweizer Arbeitsmarkt

Wer im Ausland ein Studium abgeschlossen hat, landet in der Schweiz oft trotzdem in einem Hilfsjob. Anhand von zwei realitätsnahen Beispielen zeigt dieser Artikel, welche Chancen und Hürden der Weg zu einer Anstellung mit sich bringt, und was Arbeitgebende dabei oft übersehen.

Kurz vor 15.00 Uhr steht Martin* am Kommissionierplatz und beginnt seine Schicht. Er scannt Pakete, sortiert, verräumt, um Mitternacht ist Feierabend. Acht Stunden später sitzt er im Hörsaal, es ist sein zweiter Studientag der Woche, Fach Informatik. Martin hat in seinem Heimatland einen Masterabschluss absolviert und bereits vier Jahre qualifizierte Berufserfahrung gesammelt. In der Schweiz zählt beides bisher wenig. Also arbeitet er vier Tage in der Logistik und studiert zwei Tage, mit dem Ziel, sich fachlich neu zu positionieren.

Anna* hat einen anderen Weg gewählt. Sie hat sich auf intensive Deutschkurse konzentriert und danach einen Fachkurs besucht. Über Arbeitserfahrung in der Schweiz verfügt sie noch nicht. Dafür hat sie mehr Zeit für die fachliche Vorbereitung investiert.

Beide haben sich für einen anderen Weg entschieden, um in der Schweiz Fuss zu fassen. Am Ende stellt sich für Arbeitgebende dieselbe Frage: Wem geben sie die Chance auf eine Stelle?

Pro Martin: Praxis, die man sieht

Martin kennt den Schweizer Betriebsalltag von innen. Täglich hört er Deutsch und versteht inzwischen auch etwas Schweizerdeutsch. Die Abläufe im Betrieb hat er sich in der Praxis angeeignet, ebenso den Umgang mit Hierarchien und die ungeschriebenen Regeln der Pausenkultur. Durch wechselnde Teams hat er viele Leute kennengelernt, die ihm bei administrativen Fragen helfen. Im Lebenslauf taucht das nirgends auf, im Betrieb merkt man es dafür schnell.

Contra Martin: Der Blick aufs Papier

Im Dokument steht Kommissionierer, nicht Informatik-Masterabschluss. Wer nur den Lebenslauf liest, sieht einen Hilfsarbeiter mit Lücken bei den Semesterprüfungen, weil das Vollzeitpensum in Logistik und Studium nicht immer aufgeht. Genau hier zeigt sich ein Muster, das auch der Bund dokumentiert: Laut dem BFS-Indikator zur Übereinstimmung von Bildungs- und Anforderungsniveau waren 2023 ganze 21,4 Prozent der Arbeitnehmenden mit Migrationshintergrund für ihre Tätigkeit überqualifiziert. Bei Personen ohne Migrationshintergrund waren es 14,7 Prozent. Ein Grund dafür: Die Schweiz erkennt ausländische Abschlüsse oft nicht automatisch an. Wer einen reglementierten Beruf ausüben will, zum Beispiel im Gesundheitswesen oder in der Bildung, braucht dafür zwingend eine Anerkennung des ausländischen Abschlusses. Ohne sie darf man den Beruf in der Schweiz nicht ausüben. Das Verfahren dafür ist kostenpflichtig. Die Plattform anerkennung.swiss unterstützt bei diesem Schritt: Das Team klärt, ob eine Anerkennung überhaupt nötig ist und verweist an die zuständige Stelle.

Pro Anna: Fokus statt Doppelbelastung

Anna ist anders vorgegangen. Statt alles gleichzeitig anzupacken, hat sie sich zuerst auf Sprache und Fachkurs konzentriert und die Berufserfahrung bewusst auf später verschoben. Das kann sich lohnen, gerade weil gute Deutschkenntnisse in Bewerbungsgesprächen oft mehr zählen als ein lückenloser Lebenslauf. Sie tritt strukturiert und vorbereitet an, konnte das aber im Schweizer Arbeitsalltag noch nicht unter Beweis stellen.

Contra Anna: Der fehlende Nachweis

Was Anna nicht mitbringt, ist die gelebte Erfahrung. Sie hat noch nie in einem Schweizer Betrieb gearbeitet, kennt die Dynamik in einem Team nicht aus eigener Erfahrung und kann deshalb auch keine Referenz aus der Praxis vorlegen. Für Arbeitgebende bleibt offen, wie Anna mit Drucksituationen, wechselnden Vorgesetzten oder Kundenkontakt umgeht. Genau diese Unsicherheit führt dazu, dass viele Personalverantwortliche im Zweifel eine Person bevorzugen, die schon einmal in einem Schweizer Betrieb gearbeitet hat.

Und der Vergleich mit Leuten, die in der Schweiz studiert haben?

Eine Person mit Schweizer Pass hat einen Vorteil, den weder Martin noch Anna ausgleichen können. Ob sie selbst schon mal einen Hilfsjob hatte oder nicht, spielt kaum eine Rolle. Entscheidend sind Deutsch als Muttersprache und eine Schulzeit in der Schweiz. Das senkt das gefühlte Risiko für Arbeitgebende, unabhängig von der fachlichen Eignung.

Der Arbeitsmarkt macht diese Auswahl im Moment nicht einfacher. Der Fachkräftemangel-Index der Adecco Group und der Universität Zürich zeigt für 2025 einen Rückgang von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr, die Arbeitslosenquote stieg von 2,3 auf 2,8 Prozent. In Berufen wie ICT gibt es aktuell sogar mehr Bewerbende als offene Stellen. Für Martins Zielbranche Informatik bedeutet das: Der Mangel, der noch vor wenigen Jahren jede Tür öffnete, ist dort im Moment kein verlässliches Argument mehr.

Was bleibt

Ein Betrieb, der eine Stelle vergibt, wägt hier zwei ehrliche Kompromisse gegeneinander ab. Perfekt ist keiner der beiden Lebensläufe. Die eigentliche Frage ist am Ende vielleicht eine andere: Wer traut sich, trotz Umwegen im Lebenslauf eine erste Chance zu geben?

 *Namen frei erfunden, Situation basiert auf realen Fällen.

Häufige Fragen

Was heisst «überqualifiziert» und wie verbreitet ist dieses Muster bei Menschen mit Migrationshintergrund?

Überqualifiziert ist, wer für die eigene Tätigkeit eigentlich zu gut ausgebildet ist, zum Beispiel mit einem Masterabschluss in einem Hilfsjob. Laut BFS traf dieses Phänomen 2023 auf 21,4 Prozent der Arbeitnehmenden mit Migrationshintergrund zu. Bei Personen ohne Migrationshintergrund waren es 14,7 Prozent.

Was ist ein reglementierter Beruf?

Ein reglementierter Beruf ist eine Tätigkeit, für die das Gesetz einen bestimmten Abschluss oder Titel verlangt, etwa in der Gesundheitsbranche oder in pädagogischen Berufen. Wer sie ausüben will, braucht zwingend eine Anerkennung des ausländischen Diploms.

Was ist ein Einstiegspraktikum und welchen Nutzen bringt es einem Betrieb?

Ein Einstiegspraktikum gibt einer Person die Möglichkeit, sich in einem neuen Berufsfeld oder in der Schweizer Arbeitswelt zu bewähren, ohne dass ein Betrieb sofort eine volle Festanstellung riskiert. Das Unternehmen lernt die Person in der Praxis kennen und daraus entsteht oft eine reguläre Anstellung.

Wie kann ein Betrieb faire Chancen für Bewerbende mit Lücken oder Umwegen im Lebenslauf schaffen?

Ein erstes Gespräch, das über den Lebenslauf hinausgeht, hilft oft mehr als jedes Bewerbungsdossier. Wer zusätzlich ein kurzes Probearbeiten oder ein Praktikum mit Lohn anbietet, sieht die tatsächlichen Fähigkeiten einer Person und nicht nur das Papier.